Beim Versuch, das Vorkommen einzelner Arten von Zieralgen
in ihren Lebensräumen zu erklären, stellt sich zwangläufig
zunächst einmal die Frage der Möglichkeiten ihrer Ausbreitung
oder ihrer Fähigkeit der Besiedlung neu entstandener oder durch Menschenhand
geschaffener Biotope. Die Ausbreitung von Pflanzen durch Verbreitung von
deren Samen mit Hilfe unterschiedlichster, oft sogar verplüffend raffinierter
Mechanismen ist ja allgemein bekannt
(u. a. Lufttransport durch Schwebefortsätze, Transport durch Tiere
mit Hilfe von Widerhaken oder als deren Nahrung und anschließender
Ausscheidung usw.) Bei der Verbreitung einfacher Organismen ist sicherlich
der Lufttransport deren offenbar allgegenwärtigen Sporen oder sonstiger
Dauerstadien von entscheidender Bedeutung. Man denke nur daran, wie rasch
ungekühlte oder offen liegende Lebensmitteln von Schimmelpilzen befallen
werden oder wie rasch das Wasser in Vasen und dergleichen schon nach
wenigen Tagen von Algen besiedelt wird und es dadurch grün färbt.
Eine ganz wesentliche Voraussetzung dabei ist aber, daß diese
Organismen an den Chemismus ihres Wachstumsubstrates keine besonderen Ansprüche
stellen, das heißt, für ein Gedeihen innerhalb eines breiten
Milieuspektrums angepasst sind
Wesentlich anders liegen die Verhältnisse hingegen bei solchen
Pflanzen und Tieren die sogenannte „Extremstandorte“ besiedeln. Darunter
sind solche Biotope zu verstehen, die sich durch besondere Eigenschaften
auszeichnen, wie etwa extreme klimatische Bedingungen, hohe Konzentration
eines chemischen Stoffes (Salzseen), hohen Säuregrad ( pH-Werte um
4 -5) oder Nährstoffarmut (Hochmoore).
Für den Lebensraum vieler Zieralgen treffen gerade letztere Bedingungen
zu, wobei besonders der Säuregrad bezogen auf das Artenspektrum einen
stark selektiven Faktor darstellt. Man kann also davon ausgehen, daß
ein Großteil der Zieralgen Organismen mit geringer Milieutoleranz
sind.
Das klärt auch den Umstand, daß schon relativ geringfügige
Schwankungen von Standort- bedingungen (z. B. zunehmende Beschattung, Lufteintrag
chemischer Substanzen) Veränderungen innerhalb des Artenbestandes
eines Standortes zur Folge haben, aber auch die Tatsache, daß oft
nahe beieinander liegende Moorgewässer deutliche Unterschiede im Algenbestand
zeigen.
Als optimale Bedingung für die Ausbreitung eines nicht zu Eigenbewegung
befähigten Organismus muß man zunächst die Möglichkeit
der Bildung von Dauerstadien, die auch ungünstige Lebensbedingungen
überdauern können (wie etwa Samen) in Betracht ziehen.
Bekanntlich sind aber nur von relativ wenigen Zieralgen solche Stadien
(Zygosporen) bisher bekannt, d. h. solche werden nur selten oder von vielen
Arten überhaupt nicht gebildet. Damit stellt sich nun aber auch die
Frage bezüglich deren Möglichkeit zur Besiedlung neuer Lebensräume
oder deren Ansiedlung in solche mit sich geänderten Bedingungen.
Zieht man den Lufttransport in Betracht, so kann dieser - zumindest
bei aquatisch lebenden Organismen - wohl nur mit solchen oben erwähnten
Überlenbensstadien erfolgen. Die Zahl der Zieralgen die dafür
in Betracht käme, wäre also von vornherein verschwindend klein.
Aber auch vegetative Zellen würden einen solchen nur begrenzte Zeit
überstehen, ganz abgesehen davon, daß deren Standort vorher
zumindest teilweise austrocknen müßte.
Breite Zustimmung unter den Algologen findet die Version einer Ausbreitung
durch Zugvögel. Zugegeben, für den Transport vegetativer Zellen
würde einiges dafür sprechen, da diese im Wasserfilm des feuchten
Gefieders oder der Beine sich längere Zeit lebend erhalten könnten.
Es ist auch durchaus möglich, daß durch den Vogelzug Zieralgen
aus Seen und Teichen auf diese Weise von einem Gewässer in andere
verfrachtet werden können. Ziemlich auszuschließen ist das aber
etwa für hoch gelegene Bergseen, da sich diese schon aus klimatischen
Gründen nur sehr bedingt als Rastplätze für Zugvögel
eignen. Gänzlich auzuschließen ist das wohl aber für höher
gelegene Feuchtbiotope (Almtümpel, Hangvernässungen u. dgl.).
Selbst wenn man von dem sicherlich seltenen Ereignis ausgeht,
daß ein Zugvogel mit Zieralgen im Gefieder in einem Moor oder einem
ähnlichen Biotop landet und einige Zellen der mitgeführten
Zieralgen dadurch dorthin gelangen, ist damit noch lange nicht gewährleistet,
daß diese in dem neuen Standort auch die für sie nötigen
Lebensbedingungen (z.B. pH Wert) vorfinden, was in Anbetracht der stark
milieuspezifisch abhängigen Lebensweise der Zieralgen nur äußerst
selten der Fall sein dürfte.
Dazu paßt folgendes von mir durchgeführtes Experiment: Aus
einem Moorgebiet im Alpenvorland habe ich Material von dem da reichlich
in Schlenken vorkommenden Euastrum crassum in Schlenken eines anderen
Moores, das diesem in sehr vieler Hinsicht (pH Wert, Vegetation, Lichtverhältnisse)
gleicht, großzügig verpflanzt.
Selbst mehrmalige Versuche einer solchen „Florenverfälschung“
waren erfolglos: Schon nach kurzer Zeit konnte ich von den umgesiedelten
Algen im neuen Standort jeweils nur mehr tote Zellen finden. Im Gefieder
eines Zugvogels anhaftende Zellen von Euastrum crassum hätten also
keine Chance gehabt, diesen für sie neuen Lebensraum zu besiedeln.
Zugegeben, ein einzelner Versuch ist noch kein Beweis für die absolute
Unmöglichkeit dieser Ausbreitungsmöglichkeit, kann aber immerhin
als Hinweis für die natürlichen Schwierigkeiten einer solchen
gewertet werden, und bestärkt auch nicht gerade die Version der „Verbreitung
durch Zugvögel“.
Tatsache ist nun aber einmal, daß Zieralgen imstande sind, neue
Lebensräume zu besiedeln , denn wie könnte es sonst sein,
daß sie nachgewiesen junge Biotope (z. B. neu angelegte Stau - und
Badeseen) für sich erobern. Andererseits kann ich mich selbst nach
jahrzehnte langer Beschäftigung mit diesen Algen nicht entsinnen,
an einem regelmäßig besuchten Moorbiotop das Auftreten
einer vorher nicht gefundenen Art beobachtet zu haben, vielmehr war bisher
eher immer das Gegenteil der Fall: Einzelne Arten verschwanden und wurden
nicht mehr gefunden!
Eine Antwort auf die entscheidende Frage, wie sich Zieralgen nun wirklich
ausbreiten, habe ich leider nicht parat und alle bisherigen derartigen
Hinweise kommen wohl über den Grad einer Vermutung nicht hinaus.
Prof.
Rupert Lenzenweger
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