| Biologen und vor allem Mikrobiologen mögen mir die sträfliche
Simplifizierung dieses Themas verzeihen.
In der Werbung für UV-Geräte wird oft, aber immer nur
sehr allgemein von der unbedingt erforderlichen Verringerung der
hohen
Keimzahlen in Gartenteichen und Aquarien geschrieben. Was diese geheimnisvollen
Keimzahlen eigentlich sind, wie sie gemessen werden und was für
eine Bedeutung sie haben, wird meistens mit keinem Wort erwähnt, so
daß sich sicher der eine oder andere schon gefragt hat: Was sind
Keimzahlen,
wie hoch sind hohe Keimzahlen, warum und wann sollen
sie eigentlich schädlich sein?
Im Prinzip gibt die Keimzahl die Anzahl der vermehrungfähigen
Keime eines Teils der Mikroorganismen an, die in einer
bestimmten Substratmenge enthalten sind. Sie sagt jedoch noch nichts über
die Arten, Nützlichkeit oder Schädlichkeit dieser Organismen
aus. Angegeben werden sollte dabei immer, um was für ein Gewässer
es sich handelt und mit welcher Methode diese Keimzahlen ermittelt wurden.
Unter Mikroorganismen versteht man in der Biologie Kleinstlebewesen
wie Bakterien, Strahlenpilze (Strahlenbakterien), Mikroalgen und Pilze,
Organismen die kleiner als ca. 2 µm sind und deshalb nur unter einem
Mikroskop sichtbar werden. Sie kommen in der Natur überall vor und
ohne sie gäbe es kein Leben. Die Mehrzahl dieser Mikroorganismen ist
nicht nur unschädlich, sondern für das Funktionieren des ökologischen
Gleichgewichts in einem Biotop unbedingt erforderlich.
verschiedene Bakterien, Stäbchen,
Kokken
und lange Fäden von Strahlenbakterien.
Pilze sind im Süßwasser relativ selten
und
stammen meistens von Blättern und
Blüten,
die ins Wasser gefallen sind. Hier aquatische
Deuteromyceten (Margaritispora aquatica?) |
| Viele dieser Mikroorganismen, Bakterien und Pilze, die Saprophyten
sind Fäulnisbewohner und leben (heterotroph,
Gegensatz = autotroph),
von abgestorbenen organischen Substanzen, also von tierischen und pflanzlichen
Leichen, die sie zu anorganischen Substanzen abbauen und so den biogenen
Kreislauf aufrecht erhalten
Diese und andere Mikroorganismen dienen wiederum höher entwickelten
ein- oder mehrzelligen Lebewesen, z.B. Ruder- und Blattfußkrebsen
als Nahrung.
Etliche parasitisch lebenden Mikroorganismen sind jedoch auch Erreger
für ansteckende Infektionskrank- heiten bei Menschen, Tieren und Pflanzen.
Mikroorganismen sind in den verschiedenen Substraten in unterschiedlichsten
Mengen vorhanden. Aus der Kenntnis der Anzahl dieser Kleinstlebewesen
kann man mitunter auf die Qualität des Substrates schließen.
So kann z.B. die Luft in einer Großstadt bis über 10000,
die Seeluft dagegen nur 50 Keime pro Kubikmeter Luft enthalten. |
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Im Trinkwasser sind normalerweise 0 und
max. 100 Keime pro ccm enhalten.
(1 ccm = 1 ml = 1/1000 l)
In handelsüblicher Milch dürfen bis zu 250 Keime irgendwelcher
Mikroorganismen aber nicht mehr als 30 Kolibakterien pro ml enthalten sein.
Die Anzahl der Mikroorganismen in einem Substrat kann mit verschiedenen
Methoden ermittelt werden. Eine davon ist das direkte Auszählen unter
einem Mikroskop.
Dabei werden normalerweise alle Organismen, Saprophyten, andere Bakterien,
Pilze, Cyanobakterien etc. erfaßt und man spricht hier normalerweise
von der Gesamtbakterienzahl.
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Okular mit eingelegter Rasterplatte
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Zählstreifen-Okular
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Objekt-Mikrometer
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| Das erfordert jedoch neben einem entsprechend guten Mikroskop
noch einiges spezielles Zubehör, wie Zählkammern dazu einen
speziellen Kondensor, oder ein Zählstreifen-Okular, oder eine Raster-Okularplatte,
die in ein spezielles Okular eingelegt werden kann, sowie ein Objektmikrometer
zum Eichen der Größe des Raster- bzw. Gesichtsfeldes etc etc. |
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| Viele der im freien Süßwasser vorkommenden Bakterien sind
in verschiedenen Stadien zu aktiver Bewegung fähig, was das
direkte Ausszählen unter dem Mikroskop u.U. erschweren kann. Deshalb
empfiehlt sich die Herstellung von gefärbten Bakterienpräparaten,
was zwar eine gewisse Übung erfordert, für einen geübten
Mikroskopiker aber kein zu großes Problem darstellen dürfte.
Wichtig dabei ist, daß sich in den Präparaten keine Schwebepartikel
befinden, so daß die winzigen Mikroorganismen auch eindeutig identifiziert
werden können. |
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| Für Mikroskopiker und alle, die mehr über Mikroorganismen
erfahren möchten ist die umfangreiche, sehr interessante und informative
Seite von Professor Heribert Cypionka (Universität Oldenburg) sehr
zu empfehlen:
Mikrobiologischer
Garten
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Ermitteln der Keimzahlen durch
Anlegen von Kulturen
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Beimpft wurde diese Agarplatte mit 1 ml des
100 fach verdünnten Wassers von der Oberfläche
eines naturnahen Gartenteiches nach starkem
Polleneintrag, einer längeren Wärmeperiode und längerer
Regenpause.
Deutlich entwickelt haben sich 26 Bakterien- Kolonien
(rot eingekreist). Multipliziert mit 100 ergibt das eine Keimzahl
von 2600/ml, die allerdings um etliche hundert mehr, vielleicht auch
weniger schwanken kann. |
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Unter Keimen versteht man immer lebende, vermehrungsfähige
Organismen, auch wenn diese sich gerade in einer Ruhephase befinden. Aus
jedem Keim können sich größere Populationen entwickeln.
Bestimmt werden deshalb solche Keimkonzentrationen durch Anlegen von Kulturen
auf Agarplatten.
Da jedoch die verschiedenen Mikroorganismen in Gewässern unterschiedliche
Nahrungsansprüche haben, können auch niemals alle Arten gleich
gut erfaßt werden. Für die Bestimmung von ungefähren
Keimzahlen im Wasser von Gartenteichen spielt das jedoch keine sehr große
Rolle, da ja keine speziellen Bakterienkulturen gezüchtet werden
sollen, sondern lediglich die ungefähre Anzahl der vorhandenen
Keime anhand der sich entwik- kelnden Kolonien bestimmt werden soll.
In den gebräuchlichen Kulturböden entwickeln sich hauptsächlich
Kolonien aus Saprophyten.
Deshalb sagt die Keimzahl auch nur relativ wenig über die tatsächlich
vorhandene Anzahl an Mikroorganismen aus, die je nach Trophiegrad des Wassers
sehr stark schwanken kann. |
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Großes Bild rechts:
Wasser von der Oberfläche desselben naturnahen
Gartenteiches nach einer längeren Kälte- und anschliessenden
Regenperiode.
Keimzahl ermittelt nach einer Auftropfmethode nach
Miles und Misra, die stark vereinfacht und speziell für Gelatineplatten
modifiziert wurde.
0,1 ml einer 10-fach verdünnten Wasserprobe wurden
in 15 Tropfen auf das Kulturmedium getropft.
Daraus entwickelten sich 7 Bakterien- und
1 Schimmelpilzkolonie (blau).
Aus den 7 anderen Tropfen entwickelten sich
keine Kolonien. Es waren also demnach in ihnen keine Keime
enthalten.
Keimzahl / ml = (7+1) : 0,1 : 0,1 = 800
Mit einer Messung der Konzentrationen von
Ammonium = 0,2 mg/l
Nitrat
= 10 mg/l
Nitrit
= 0 mg/l
Phosphat =
0,15 mg/l
ergibt das zu diesem Zeitpunkt ein Wasser der Güteklasse
I. |
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| Bakterienkolonie |
Deuteromyceten (Pilze) |
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| Wenn Teichwasser ausschließlich durch Bakterien getrübt
wird, was selten der Fall ist, dann sind mehr als 10 Millionen Bakterien
pro 1 ml darin enthalten.
Der Sinn solcher Messungen, die man wohl besser relativ genaue
Schätzungen nennen sollte, ist die Abschätzung, inwieweit
ein Teichwasser in einem naturnahen Gartenteich möglicherweise belastet,
oder aber völlig normal ist.
Da sich auch nicht alle Saprophyten
in Kulturen züchten lassen, ist die Anzahl der vorhandenen Keime natürlich
immer höher anzusetzen.
Zu beachten ist jedoch, daß alle Bakterien Nahrung für
höher entwickelte Lebewesen sind.
In keimfreiem Wasser gäbe es ohne Bakterien keine Nahrungskette,
die in einem Kleingewässer normalerweise bei den Larven von Insekten
(Libellen), Käfern, Frosch- und Schwanzlurchen (Molchen)
endet.
In einem künstlichen, naturnahen (also fischlosen) Gartenteich
dürfte es normalerweise
nie zu einem bedenklichen Ansteigen
der Keime kommen, sodass eine mehr oder weniger aufwendige Keimzahlbestimmung
eigentlich nie notwendig ist, es sei denn, es ist ein Tier (Vogel, Ratte
oder Igel) ins Wasser gefallen und ertrunken.
Wenn man diese Tierleiche nicht rechtzeitig entfernt, dann geht sie
langsam in Verwesung über. Zuerst trübt eine Bakterienwolke
rund um den Kadaver das Wasser. Bald setzt jedoch eine starke Vermehrung
von Zooflagellaten, Rädertieren u.a.Bakterienfressern ein, die sich
von diesen Bakterien ernähren und die durch die enorme Anzahl das
Wasser ebenfalls trüben. Diese Ein- und Mehrzeller sind meistens relativ
groß und bewegen sich sehr schnell, so daß man sie mit einer
starken Lupe in einem Glasgefäß mindestens als Punkte erkennen
kann.
Wenn das ertrunkene Tier nicht zu groß und das Wasservolumen
dagegen groß genug ist, wird sich nach einiger Zeit wieder ein Gleichgewicht
einstellen, ohne daß ein Eingreifen notwendig ist. |
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