Wann stechen nun eigentlich Rückenschwimmer?
Tatsache oder Spinat/Eisen-Phänomen?
Mit Nachtrag vom 04. Juli 2009
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Schwimmteiche erfreuen sich wegen ihrer angeblichen Naturnähe immer größerer Beliebtheit. Dass man sich in solchen Gewässern aber auch mit einer, zwar ungefährlichen aber recht unangenehmen Schwimmbad-Dermatitis infizieren kann und sich auch Tiere einfinden, die den meisten, doch ziemlich  naturentfremdeten Naturliebhabern aber gar nicht so gut gefallen,  sind Tatsachen, die in vielen sachbezogenen Veröffentlichungen  nicht verschwiegen,  aber von den Lesern meist ignoriert werden. Bereits nach einem Jahr beklagen sie sich dann über angeblich tausende von Egeln, ekligen Würmern, schmierigen Ablagerungen und schleimigen Klumpen oder über  Massenentwicklungen von Rückenschwimmern etc.

Der Rückenschwimmer wird in fast allen Gartenteichbüchern auch Wasserbiene genannt und gleichzeitig wird - fast immer im selben Wortlaut - auch auf die Schmerzhaftigkeit seines Stiches hingewiesen. Einige Autoren schreiben allerdings zusätzlich einschränkend, dass der Rückenschwimmer aber nur sticht, wenn er mit der Hand gefangen wird, was bei den überaus sensiblen und scheuen Tieren allerdings eine wahre Kunst ist.

In der Fachliteratur konnte ich jedoch bisher, im Gegensatz zur Sachliteratur,  keinerlei Hinweise darauf finden, dass Rückenschwimmer ihr Rostrum (Teil der Mundwerkzeuge)  auch zur Verteidigung einsetzen würden. Bei der Betrachtung von REM-Aufnahmen des kurzen, mehrgliedrigen Saugrüssels mit der kleiner als 0,5 mm langen Spitze kommen ebenfalls erhebliche Zweifel auf, dass diese Konstruktion die elastische, gummiartige äußere Hornschicht der Epidermis eines Säugers überhaupt durchdringen kann. 
(siehe: Atlas zur Biologie der Wasserinsekten).
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Kopf mit Saugrüssel eines Rückenschwimmers
Die Rückenschwimmer gehören zu den Wasserwanzen. Sie leben räuberisch und ergreifen mit ihren Vorderbeinen kleinere Wasserbewohner und ins Wasser gefallene Insekten, stechen sie mit ihren Saugrüsseln an und saugen sie aus. Davor wird ein stark ätzendes, zersetzendes Gift in die Opfer injiziert. 
Stachel mit Giftdrüsen die zur Verteidigung eingesetzt werden, wie es Wespen und Bienen tun, besitzen Wasserwanzen aber nicht.
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In über 65 Jahren habe ich schon unzählige, versehentlich gefangene, aber unerwünschte Rückenschwimmer einfach mit der Hand aus Futtersieben, Planktonnetzen und Petrischalen vorsichtig herausgegriffen. Da ich dabei aber noch nie gestochen wurde, wollte ich in einem Selbstversuch ergründen,  wann und unter welchen Umständen Rückenschwimmer nun tatsächlich stechen.
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In ein Aquarium wurden mehrere adulte Rückenschimmer gesetzt. Dann habe ich meine Hand hineingesteckt und mich etwa 15 Minuten lang absolut ruhig verhalten um den Rückenschwimmern die Gelegenheit zu geben, eine Pore zum Anstechen und Aussaugen zu finden, so wie es auch Stechmücken, Flöhe oder Bettwanzen tun. (Bild links) 

Nachdem mein Arm langsam anfing einzuschlafen  und ich immer noch nicht ausgesaugt worden bin, fing ich an die Tiere zu reizen, indem ich versuchte nach ihnen zu greifen.
Leider nur mit mäßigem Erfolg, denn sie sind sehr scheu, spüren nicht nur die Wasserbewegung, sondern können auch noch erstaunlich gut sehen, sind sehr schnelle Schwimmer und ergreifen bei der geringsten Bewegung eines für sie bedrohlich wirkenden größeren Gegenstandes sofort die Flucht.

Daraufhin drückte ich einen nach dem anderen, oder auch gleich zwei zusammen, sanft gegen die Scheibe, doch ohne sie zu quetschen (rechtes Bild). 
Einige waren  inzwischen schon aus dem Aquarium gesprungen und  weggeflogen.

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Zuletzt fing ich nacheinander die zwei übriggebliebenen und schloß unter Wasser meine Hand, natürlich ohne die Tiere zu quetschen.  Anschließend zog ich die geschlossene Hand aus dem Wasser, ließ das Wasser langsam ablaufen und trug jedes Tier einzeln in der geschlossenen Hand wieder in den Teich zurück.

Nachdem ich weder gebissen, ausgesaugt noch gestochen worden bin, war dieser Versuch leider ohne das erhoffte Ergebnis verlaufen!

Dieses negativ verlaufene  Experiment  ist jedoch noch kein Beweis dafür, 
dass Rückenschwimmer nicht vielleicht doch stechen,
oder vielleicht  bei grober Behandlung die Haut durch Ausstoß ihres 
aggressiven Verdauungssekrets verätzen können?

Meine Rückenschwimmer gehören eindeutig derselben Art an. 

Möglicherweise ist eine der übrigen fünf, in Europa noch vorkommenden Arten hungriger oder angriffslustiger.
Möglicherweise hatte ich es dann allerdings in über 65 Jahren immer nur mit derselben Art zu tun, und das in den unterschiedlichsten Gegenden Europas.
Möglicherweise muss man die Rückenschwimmer zerquetschen, bis sie sich wehren.
Möglicherweise verhalten sich Rückenschwimmer in einem Aquarium auch friedlicher.
Möglicherweise stechen nur Rückenschwimmer aus Goldfischteichen.
Möglicherweise stechen Rückenschwimmer in Schwimmteichen, weil sie kaum etwas zu fressen finden und ständig unter Stress stehen.
Möglicherweise und wahrscheinlich muss man sie aber auch sehr reizen und bedrohen.
Möglicherweise...
Möglicherweise... etc.etc.

Möglicherweise handelt es sich aber bei den Behauptungen auch nur um ein ähnliches Phänomen wie bei der jahrzehntelang immer wieder veröffentlichten falschen Aussage, dass im Spinat zehnmal soviel Eisen enthalten sei,  wie es tatsächlich der Fall ist. 
Dass der Autor der ersten Veröffentlichung lediglich das Komma versehentlich um eine Stelle nach rechts versetzt hatte, erkannte keiner der nachfolgenden Autoren und erst viele Jahrzehnte später wurde das bei einer neuerlichen Routineuntersuchung festgestellt. Die falschen Werte wurden trotz alledem noch viele Jahre fröhlich weiter veröffentlicht.  ("Eisen/Spinat-Phänomen")

Wespen (gemeint sind soziale Faltenwespen wie z.B. Vespula vulgaris) und (Honig-)Bienen, die ins Wasser gefallen sind, stechen meistens sofort, wenn man sie berührt.
Möglicherweise passierte das dem  Autor des ersten Gartenteichbuches, der dann zwar nicht das schnell wegfliegende Insekt, aber zufällig den Rückenschwimmer davon- schwimmen sah, der das ins Wasser gefallene Insekt gern erbeutet hätte.

Die Schilderungen der wenigen angeblichen Opfer klingen immer sehr ähnlich. Der Stich erfolgte oft beim Einsammeln von Laub oder Schwimmblattpflanzen von der Wasseroberfläche.

Meldungen in den letzten  Jahren beschreiben  fast immer "Angriffe bösartiger" Rückenschwimmer beim Baden in Schwimmteichen. Die Tiere hatten sich unter die Badehose oder den Badeanzug verirrt und sofort gestochen bzw. gebissen.

Zu selten wird leider beachtet, dass es viele Pflanzen und Insekten gibt, die mehr oder weniger stark ätzende Sekrete  (ähnlich der Ameisensäure) ausscheiden können, wie z.B. die bekannten Brennesseln, verschiedene  Distelarten und etliche andere weniger bekannte Pflanzen,  aber auch alle Ameisen, verschiedene Käfer wie z.B. auch die beiden Bombardierkäferarten der Gattung Brachinus und etliche mehr. All das kann auch ins Wasser fallen und beim Aufsammeln einen brennenden Schmerz verursachen.

Auch beim Quetschen oder gar Zerquetschen eines adulten Rückenschwimmers könnte die aufgeweichte Haut durch die harten Flügeldecken leicht verletzt werden und durch das Austreten des ätzenden Sekretes aus dem Rüssel könnte dann  ein brennender Schmerz oder stark schmerzender Effekt auf der Haut entstehen. 

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Nachtrag Juli 2009

Für die (seit 2004) rund 300 mir zugesandten Berichte möchte ich mich bei allen beteiligten Lesern freundlich bedanken.

Aus dieser bescheidenen und einer leider noch etwas geringeren Anzahl von genauen, glaubwürdigen Schilderungen lässt sich nur bedingt eine endgültige Antwort auf die beiden Teile  Wann  und  Stechen der oben gestellten Frage ableiten.

Bei sorgfältiger Analyse der berichteten exakten Beobachtungen kann eindeutig festgestellt werden,  dass es sich immer um reine Abwehrreaktionen der sich bedroht gefühlten, bedrängten oder vermeintlich in Gefahr geratenen Tiere gehandelt hat. 

Da in allen glaubhaften Schilderungen zwar von Hautrötungen, manchmal auch Hautschwellungen berichtet wurde, nie jedoch von erkennbaren Einstichstellen, kann mit Sicherheit angenommen werden, dass Rückenschwimmer bei Gefahr zwar nicht stechen. aber ihr stark ätzendes Verdauungssekret ausstoßen, das die Haut reizt oder gar verletzt, ähnlich wie die Ameisensäure oder das Gift von Brennesseln.

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